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Wie entwickelt sich das europaweite Schienennetz? Und welche Rolle spielt der Deutschlandtakt dabei? Darüber haben wir mit Enak Ferlemann, Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur und Beauftragter der Bundesregierung für den Schienenverkehr, gesprochen.

Komfortabel und klimafreundlich durch ganz Europa reisen. Dafür soll der grenzüberschreitende Schienenpersonenfernverkehr mit Hochgeschwindigkeits- und Nachtzügen gestärkt werden. Antrieb dieser Vision ist das Konzept TransEuropExpress 2.0 – kurz TEE 2.0 –, welches im Rahmen der deutschen Ratspräsidentschaft beim Schienengipfel im September 2020 vorgestellt wurde.  

Herr Ferlemann, welche Vorteile bringt TEE 2.0 für Privatpersonen und unsere Gesellschaft? 

Enak Ferlemann: Das Interesse an Reiseverbindungen mit der Bahn – auch für längere Strecken – hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Die Menschen schätzen es, die Reisezeit in digital gut ausgestatteten Zügen zum Beispiel zum Arbeiten zu nutzen oder im Schlaf ihr Reiseziel zu erreichen. Mit dem TEE 2.0 sollen grenzüberschreitende Reisen nun einfacher werden, weil es wesentlich mehr durchgehende Züge und vor allem zuverlässige Anschlüsse mit kürzeren Wartezeiten gibt – ganz wie beim Deutschlandtakt. Auf diese Weise wird Bahnfahren zu einer überzeugenden Alternative für innereuropäische Flüge und lange Autobahnfahrten. Dies ermöglicht entspanntes Reisen und schützt das Klima.

Was hat der Deutschlandtakt mit dem neuen TEE-2.0-Netz zu tun? 

Ferlemann: Wir sind auf den TEE 2.0 gekommen, als wir unseren landesweiten integralen Taktfahrplan, den Deutschlandtakt, entwickelten. Der besondere Charme des neuen Konzepts liegt nun darin, dass bereits existierende nationale Taktverkehre über die Landesgrenzen hinweg mit den durchgehenden Zügen des TEE 2.0 – sozusagen als Flaggschiff des Europatakts – verbunden werden. 

Auf diese Weise kann der TEE 2.0 nach unserer Überzeugung ein schnell umsetzbares und wirtschaftlich tragfähiges Modell für die Zukunft des grenzüberschreitenden Schienenpersonenverkehrs bilden. Ohne zusätzliche Fahrten oder Kapazitätsverbrauch im Schienennetz könnten auf diese Weise umsteigefreie Direktverbindungen beispielsweise zwischen Paris und Warschau über Berlin, zwischen Mailand und München über Zürich oder zwischen Barcelona und Berlin über Straßburg aufgebaut werden.

Weil wir das Konzept TEE 2.0 aus dem Deutschlandtakt entwickelt haben, benötigen wir hierzulande nur die für den Zielfahrplan ohnehin geplanten Infrastrukturen und keine zusätzlichen Maßnahmen. 

Was sind die zentralen Infrastrukturmaßnahmen des Deutschlandtakts zur Beschleunigung des europäischen TEE-2.0-Netzes? 

Ferlemann: Wie die Infrastrukturmaßnahmen des Deutschlandtakts schnellere Nachtzugverbindungen zwischen europäischen Städten ermöglichen, will ich anhand der Strecke mit dem TEE Berlin–Barcelona verdeutlichen.

Um die Strecke zu beschleunigen, wird zum Beispiel gegenwärtig der Ausbau vom Fernbahntunnel Frankfurt geplant – ein heute häufig verstopfter Knoten. Nach einem kurzen Halt im neuen Fernbahnhof (tief) unter dem Frankfurter Hauptbahnhof kann der Zug dann ohne Fahrtrichtungswechsel die Neubaustrecke Rhein/Main–Rhein/Neckar nutzen Richtung Mannheim, und südlich von Karlsruhe kommen dem TEE 2.0 die Ausbaumaßnahmen der Rheintalbahn Karlsruhe–Basel zugute. 

Ein Zwischenstopp auf der Reise Berlin–Barcelona ist Straßburg. Hier zeigt sich der zeitliche Effekt ganz gut: Heute benötigen Sie noch über sechs Stunden mit ein bis zwei Umstiegen, um von Berlin bis Straßburg zu kommen. Ohne zusätzliche Infrastrukturausbauten könnte schon heute nur durch bessere Anschlüsse oder einen durchgehenden TEE 2.0 die Reisezeit auf etwa fünfeinhalb Stunden verkürzt werden. Sobald die Neu- und Ausbauten des Deutschlandtakts komplett zur Verfügung stehen, verkürzt sich die Reisezeit um weitere 30 Minuten auf fünf Stunden. 

Ähnliches gilt für die Verbindung von Berlin nach Brüssel und Paris. Durch die im Zielfahrplan Deutschlandtakt unterstellten Ausbauten zwischen Berlin und Hamm auf eine Streckengeschwindigkeit von bis zu 300 km/h verkürzt sich die Reisezeit um gut eine halbe Stunde.

Welche Verbindungen sind außerdem geplant? 

Ferlemann: Bereits am 13. Dezember 2020 ist die Verbindung München–Zürich mit direktem Anschluss nach Mailand in Betrieb gegangen. Über weitere Verbindungen diskutieren wir im Moment mit den Staaten und Eisenbahnunternehmen. Fortgeschritten sind dabei schon die Planungen für direkte Verbindungen von Hamburg nach Mailand oder von Berlin nach Paris. 

Es wird im Rahmen von TEE 2.0 auch mehr Nachtzüge geben: Warum ist das gut?

Ferlemann: Mit dem Nachtzug können auch längere Strecken in Europa bequem mit dem Zug zurückgelegt werden. Abends in Berlin einsteigen, sich in einem bequemen Schlafwagenabteil mit Duschbad zu Bett legen und am Morgen in Paris ausgeruht ankommen – das ist eine sehr entspannte Form des Reisens. Man erreicht sein Reiseziel im Schlaf ohne zusätzlichen Zeitaufwand. 

Welche Nachtzug-Verbindungen sind bereits geplant? 

Ferlemann: Am 8. Dezember 2020 haben die vier Eisenbahnunternehmen DB AG, ÖBB (Österreich), SNCF (Frankreich), SBB (Schweiz) im Beisein von Bundesverkehrsminister Scheuer ihre Absicht erklärt, dass sie den Nachtverkehr in Europa für klimafreundliche Mobilität stärken wollen. Konkret haben sie die folgenden neuen Verbindungen angekündigt:

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    ab Dezember 2021: Wien–München–Paris und Zürich–Amsterdam
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    ab Dezember 2023: Wien/Berlin–Brüssel/Paris
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    ab Dezember 2024: Zürich–Barcelona

Und das schwedische Unternehmen Snälltåget will ab 2021 einen direkten Nachtzug Stockholm–Kopenhagen–Hamburg–Berlin anbieten, der ebenfalls perfekt in das Konzept TEE 2.0 passt. 

Wann kommt ein europäisches Taktfahrsystem? Wer ist dabei? Was muss getan werden, damit der grenzüberschreitende Schienenverkehr optimal funktioniert? 

Ferlemann: Wie beim Deutschlandtakt wird auch der Europatakt in Etappen realisiert werden. Die erste Etappe ist mit der weitgehenden Abstimmung der Taktfahrpläne zwischen Deutschland, Belgien, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz bereits erreicht. Jetzt wollen wir die weiteren Staaten gewinnen, sich an diesem Abstimmungsprozess zu beteiligen und ihre Infrastrukturausbauten an diesem Ziel zu orientieren. 

Hierzu haben die vier genannten Staaten im Herbst 2020 die gemeinsame Plattform IRP (International Rail Passenger Transport) als Think-Tank und Diskussionsforum gegründet, an der sich schon zahlreiche Staaten beteiligen. Im Jahr 2021, das die EU zum „Jahr der Eisenbahn“ erklärt hat, wollen wir gemeinsam mit den Kollegen aus den europäischen Staaten und den Eisenbahnunternehmen ein erstes Grundnetz für den TEE 2.0 vereinbaren und bereits die ersten Linien in Betrieb nehmen. 

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