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Erst der Zielfahrplan, dann der Streckenausbau – der Deutschlandtakt ist beschlossene Sache. Enak Ferlemann, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, hat das neue Bahnsystem von Anfang an geprägt und mit ins Rollen gebracht. Ein Interview.

Der dritte Gutachterentwurf war eine Punktlandung: verlässliche Anschlüsse im Personen-, mehr Systemtrassen für den Güterverkehr. Jetzt geht es an die konkrete Umsetzung. Mit an Bord: die Akteure des Deutschlandtakts. Und Enak Ferlemann, Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur und von der Bundesregierung mit dem Ressort Schienenverkehr beauftragt.

Herr Ferlemann, welche Rolle spielen Sie beim Deutschlandtakt?

Enak Ferlemann: Ich war Zeit meines parlamentarischen Lebens für einen Systemwechsel bei der Schiene. Seit drei Legislaturperioden konnte ich mich im Bundesverkehrsministerium politisch für den Deutschlandtakt einsetzen und ihn mit meinem Team komplett entwickeln.

Wer hat Sie dabei unterstützt?

Ferlemann: Ich hatte zum Glück immer Verkehrsminister, die mir freie Hand gelassen haben. Dank Dr. Peter Ramsauer konnte ich kluge Wissenschaftler und Forscher an Bord holen. Ihre Analyse hat gezeigt, dass der Deutschlandtakt funktionieren kann. Alexander Dobrindt unterstützte mich bei der Arbeit, das System zu implementieren. Auch Andreas Scheuer hat mir das absolute Vertrauen ausgesprochen: „Wenn es so funktioniert, ist es super. Mach mal.“ Zudem haben auch die Verbände den Systemwandel von Anfang an vorangetrieben.

Von Anfang an?

Ferlemann: Ja, seit den 2000er-Jahren haben wir über die Einführung eines bundesweiten Takts diskutiert. Als Vorsitzender des Unterausschusses „Zustand der Eisenbahninfrastruktur und Sicherung einer leistungsfähigen und sicheren Bahninfrastruktur für die Zukunft“ konnte ich die Marschrichtung vorgeben. Seit 2009 arbeite ich als parlamentarischer Staatssekretär mit ganzer Kraft an der Weiterentwicklung des Deutschlandtakts.

Und die Wirtschaft?

Ferlemann: Die war anfangs sehr skeptisch und zurückhaltend. Vor allem die Eisenbahnverkehrsunternehmen. Wird das was? Ist das nur eine Nebelkerze der Regierung? Manchmal fühlte ich mich als einsamer Rufer in der Wüste. Ich musste jede Menge Überzeugungsarbeit leisten. Nach und nach haben die Unternehmen erkannt, dass wir es mit dem Deutschlandtakt wirklich ernst meinen. Heute gibt es nur noch Befürworter des Systems. Das erfüllt mich schon etwas mit Stolz.

Das Ganze nach Schweizer Vorbild?

Ferlemann: Das Taktsystem in der Alpenrepublik ist im Prinzip schon unser Vorbild. Seit 1982 funktioniert es wirklich hervorragend. Allerdings ist die Größe des Schweizer Schienennetzes vergleichbar mit der des Landes Hessen. Deutschland ist also eine ganz andere Nummer, eine andere Dimension. Wir haben viel mehr Verkehre, das erfordert eine noch detailliertere und komplexere Planung.

Ein Beispiel dafür?

Ferlemann: Der Großraum Hamburg: Was wir da an Fern-, Nah- und Güterverkehr fahren, ist schon gigantisch. Das stellt das System vor größte Herausforderungen. Die Aufgabe ist es, gleichrangig mehr Trassen zu schaffen. Der Ausbau der Strecke Hamburg–Berlin ist hier in West-Ost-Richtung ein Gewinn.

Apropos Gewinn. Wer profitiert vom Deutschlandtakt?

Ferlemann: Die Eisenbahnverkehrsunternehmen, die Passagiere und der Warenfluss. Mehr Kapazitäten bringen den Unternehmen mehr Umsatz, mehr Züge den Reisenden mehr Flexibilität und Komfort. Die Transportunternehmen bekommen ihre Waren pünktlich geliefert. Mehr Umschlag bedeutet mehr Umsatz. Und wenn sich der Verkehr zunehmend auf die Schiene verlagert ist letztendlich auch das Klima der große Gewinner.

MittelrheinBahn/ Smilla Dankert

Welche Highlights gab es bisher?

Ferlemann: Viele. Das größte war sicher die Inbetriebnahme der Schnellfahrstrecke Berlin–München. Sie hat gezeigt, dass unsere Prognosen nicht nur eingetroffen, sondern bei Weitem übertrumpft wurden. Viel mehr Menschen sind da – vor Corona – auf die Bahn umgestiegen. Wenn das System verlässlich funktioniert, wenn Menschen vom Flugzeug auf die Schiene umsteigen, dann ist das beeindruckend und ein voller Erfolg. Im Übrigen fasziniert mich die Strecke mit den vielen Brücken und Tunneln auch baulich.

Wie geht es jetzt im Deutschlandtakt weiter?

Ferlemann: Der Hauptpunkt ist gesetzt. Wir wissen jetzt genau, wie es geht, welche Infrastruktur wir brauchen. Den Ausbau werden wir jetzt sukzessive Region für Region durchführen. Zuerst dort, wo es wirklich verlässlich realisierbar ist. Dann sehen wir alle, es geht – und machen konsequent weiter.

Welche Region ist das?

Ferlemann: Das soll eine Überraschung bleiben.

Warum wird der Deutschlandtakt erst jetzt umgesetzt?

Ferlemann: Vor 25 Jahren herrschte eine andere Kultur. Man hat Strecken gebaut, Gleise gelegt und gesagt: „Darauf kannst du fahren.“ Heute denken und handeln wir ganz anders. Zuerst wird der Bedarf festgelegt, dann die nötige Infrastruktur gebaut. Welche Trasse brauchen wir, um welche Personen oder welche Güter von A nach B zu fahren?

Das hört sich alles nach großer Eisenbahnerleidenschaft an.

Ferlemann: Stimmt. Ich hatte schon als Kind eine große Modelleisenbahn. Damals musste ich die Verkehrsabläufe im Kleinen planen. Jetzt habe ich die Chance bekommen, das alles im Großen zu machen. Als Kind der Nordsee sind Wasserwege zwar genetisch mein Lebenselixier – allerdings gilt meine Leidenschaft dem komplexesten Verkehrsmittel: der Schiene. Beruflich wie privat.

Ihre Vision für die Zukunft?

Ferlemann: Der Deutschlandtakt wird sehr viel bewegen. Neues Potenzial für wirtschaftliches Wachstum schaffen. Bequemes, umweltfreundliches Reisen ermöglichen. Die Logistikkette nachhaltig erfolgreich und umweltfreundlich gestalten. Das Endergebnis wird allen recht geben. Und ich freue mich, meinen Teil dazu beigetragen zu haben.

Foto: Dahmke/ Otterndorf

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